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75 Jahre Stadt Wörgl

Martin Pichler und die Stadterhebung von 1951

 Vor 75 Jahren wurde die damalige Marktgemeinde Wörgl zur Stadt erhoben. Die Feier am 19. August 1951 war zugleich die Krönung des Lebenswerkes von Bürgermeister KR Martin Pichler. Sein Name ist untrennbar mit der Entwicklung der Gemeinde Wörgl verbunden und sein Engagement als Bürgermeister trug in den schweren Nachkriegsjahren wesentlich zum wirtschaftlichen und kulturellen Aufstieg seines Heimatortes bei. Als Bürgermeister, Landtagsabgeordneter und 1. Landtags-Vizepräsident setzte er sich unermüdlich für den Aufstieg seines Heimatortes ein.

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Empfang des Bundespräsidenten vor dem Bahnhof

Der Schneider als Politiker

Martin Pichler wurde am 4. November 1882 in Hall in Tirol geboren. Der gelernte Schneidermeister kam im Jahr der Markterhebung 1911 nach Wörgl, wo er eine Werkstätte eröffnete und daneben als Pfarrmesner und Schuldiener arbeitete.

1919, im schlimmsten Notjahr nach dem Zusammenbruch der Monarchie, kam Pichler in den Gemeinderat. Schon früh zeigte sich sein später anerkannter Weitblick. Gemeinsam mit Georg Opperer und Hans Stricker trat er für den Bau der Bürgerschule ein. Mit Johann Seisl plante er den 1925 eingeweihten Waldfriedhof. Bereits 1929 zog er in den Tiroler Landtag ein, dem er bis 1938 sowie von 1945 bis 1953 angehörte.

Verantwortung in schwierigen Jahren

Der Februar-Aufstand 1934 brachte Wörgl und seine Umlandgemeinden an den Rand eines Bürgerkrieges. Dank einsichtiger Männer auf beiden Seiten konnte Schlimmeres abgewendet werden. Die Ereignisse beendeten jedoch die Amtszeit von Bürgermeister Michael Unterguggenberger sowie das Wirken der verschiedenen Parteien.

Von der Landesregierung wurde Martin Pichler zum Regierungskommissär der Marktgemeinde Wörgl berufen und 1935 zum Bürgermeister gewählt. Die Linderung der Not durch Schaffung von Arbeitsplätzen war das oberste Gebot. Der Bau der Innerkofler-Kaserne sowie die Inbetriebnahme der 1929 stillgelegten Zellulosefabrik waren erste Erfolge. Mit dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich im Jahr 1938 zog sich Pichler in seine Schneiderwerkstätte zurück.

Neubeginn nach dem Krieg

Mit Kriegsende am 8. Mai 1945 hatte die NS-Schreckensherrschaft ein Ende gefunden. Die Widerstandsbewegung unter Führung von Rupert Hagleitner berief Martin Pichler wieder auf den Bürgermeisterposten.

Die freien Wahlen vom 7. Jänner 1947 brachten für Volkspartei und Sozialdemokraten jeweils acht Mandate. Durch Losentscheid wurde Martin Pichler wieder Bürgermeister. Vizebürgermeister und wichtige Stütze in den schwierigen Nachkriegsjahren wurde Nationalrat Johann Astl.

Der neue Gemeinderat stand vor schweren Aufgaben. Als Verkehrsknotenpunkt war Wörgl Durchzugsgebiet der aufgelösten Armeen. Die Lager waren überfüllt mit Fremdarbeitern, Flüchtlingen und Gefangenen. Man zählte ungefähr 12.000 Personen, bei normalerweise rund 5.000 Einwohnern. Kein Zugverkehr, kein Postverkehr, kein Telefonverkehr. Auch die Lebensmittelknappheit war deutlich spürbar.

Gerade in dieser Lage wurde Pichler für viele Menschen zu einer wichtigen Vertrauensperson. Die Nachricht, dass er die Geschicke der Gemeinde wieder in die Hand genommen hatte, gab vielen Menschen Hoffnung und Optimismus. Als er zum gemeinsamen Schuttwegräumen aufrief, folgten die Wörglerinnen und Wörgler in großer Zahl. Auch Menschen anderer politischer Gruppen beteiligten sich.

Ein Bürgermeister mit Weitblick

Das Ansehen des Marktes Wörgl wurde durch die Persönlichkeit Pichlers zweifellos gehoben. Er verstand es, politische Gegensätze zu überbrücken, Menschen zur Mitarbeit zu bewegen und trotz großer Not den Blick nach vorne zu richten.

Wörgl sollte nicht nur wiederaufgebaut, sondern als wirtschaftlich und kulturell bedeutender Ort weiterentwickelt werden. Die Stadterhebung war für ihn ein sichtbares Zeichen für Wiederaufbau, Zusammenarbeit und neues Selbstbewusstsein.

Als Pichler am 16. Februar 1951 in seiner Eigenschaft als 1. Landtags-Vizepräsident den Antrag einbrachte und selbst begründete, den Markt Wörgl zur Stadt zu erheben, erfolgte im Tiroler Landtag die einstimmige Annahme.

In der Stadterhebungsurkunde ist angeführt, dass „die Marktgemeinde Wörgl in Würdigung ihrer wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung zur Stadt erhoben und ihr damit das Recht verliehen wird, künftighin die Bezeichnung Stadtgemeinde zu führen“.

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Die Stadterhebungsfeier am 19. August 1951

Die Stadterhebungsfeier am 19. August 1951 war für Bürgermeister Martin Pichler die Krönung seines Lebenswerkes. Nur 40 Jahre nach der Markterhebung erreichte Wörgl den nächsten großen Meilenstein seiner Geschichte.

Die Festlichkeiten begannen am 18. August 1951 mit einer Gedenkfeier für die Gefallenen und Bombenopfer, einer festlichen Beleuchtung der Stadtmitte und einem Konzert der Eisenbahner-Musikkapelle. Um 21 Uhr folgte ein Fackelzug vom Hauptplatz zum Bahnhof und zur Hauptschule mit großem Feuerwerk.

 

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Bgm Martin Pichler mit Bundespräsident Dr. Theodor Körner

Der Festtag begann um 8 Uhr mit dem Empfang des Bundespräsidenten Dr. Theodor Körner am Bahnhof. Danach folgte ein Pontifikalamt des Fürsterzbischofs DDr. Andreas Rohracher von Salzburg mit der Aufführung der Missa Brevis von Haydn.

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Bgm Martin Pichler mit Erzbischof DDr. Andreas Rohracher (rechts)

Um 11 Uhr fand die Festsitzung des Gemeinderates im Astnersaal statt. Dort bedankte sich Bürgermeister Pichler bei Prof. Dr. Paul Weitlaner für die Organisation der Feierlichkeiten. Pichler wies darauf hin, dass erst sechs Jahre vergangen waren, seit die Bombenangriffe Wörgl in einen Schutthaufen verwandelt hatten. „Was Einigkeit und Zusammenarbeit in dieser kurzen Zeit zu leisten imstande waren, zeigt ihnen heute der äußere Rahmen von Wörgl.“

Der Bundespräsident ging in seiner Ansprache auf die alte Siedlungsgeschichte, Wörgls Entwicklung als Verkehrsknotenpunkt und die Auswirkungen des Krieges ein. Er beglückwünschte die jüngste Stadt Österreichs und dankte ihren Bürgern für das bisher Vollbrachte.

Nach dem Festessen im Astnersaal und einem Konzert der Gendarmeriemusik begann am Nachmittag ein großer Festumzug. Daran nahmen 20 Musikkapellen, 20 Trachtenvereine, Festwagen mit historischen Darstellungen der Stadtgeschichte und insgesamt 88 Gruppen teil.

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Gemeinschaftsgeist für die junge Stadt

Auch die Vorbereitung zeigte, wie sehr die Bevölkerung eingebunden war. Jung und Alt wurden eingeladen, freiwillig in der Volksschule Girlanden zu binden. Bürgermeister Pichler wandte sich im Juni 1951 mit einem Aufruf an alle Hausbesitzer. „Das ganze Volk von Wörgl rufe ich auf, bitte alles nur Mögliche zur Verschönerung von Wörgl beizutragen. Ich richte die Bitte an alle Wörgler und hoffe, dass die notwendige Einsicht und das Verständnis vorhanden sind, um aus der einstigen Marktgemeinde eine wirklich nette und saubere Stadt zu machen.“

In einem weiteren Schreiben bat der Bürgermeister mit dem Zusatz: „Es soll jedoch keine Schrepferei sein.“ um eine Spende für die würdige Feier. So konnte sich die junge Stadt bei strahlend blauem Himmel den tausenden Besucherinnen und Besuchern von ihrer besten Seite zeigen.

Der Vater der Stadterhebung

Vier Monate vor seinem Ableben, am 27. Februar 1953, beschloss der Gemeinderat unter Vorsitz von Vizebürgermeister Nationalrat Johann Astl, Martin Pichler die Ehrenbürgerschaft zu verleihen.

Am 15. Juni 1953 verstarb mit KR Martin Pichler der Vater der Stadterhebung. Mit Weitblick, Beharrlichkeit und großer Verantwortung gegenüber seiner Heimatgemeinde begleitete er Wörgl durch schwierige Jahre und führte den Markt schließlich zur Stadt. Sein Name bleibt untrennbar mit diesem bedeutenden Kapitel der Wörgler Geschichte verbunden.

Kontakt: Stadtchronist Toni Scharnagl – Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.